Grüne Spitzenkandidatin auf der Hauptstraße

Vier Tage vor der Bundestagswahl besuchte die grüne NRW-Spitzenkandidatin, Britta Haßelmann, unsere Stadt. Gemeinsam mit ihr sind wir von 13 bis 15 Uhr mit dem Fahrrad die Hauptstraße vom Eickeler Markt nach Wanne bis zum Cranger Tor heruntergeradelt. Wir haben an den unterschiedlichsten Stationen Halt gemacht und mit vielen Menschen gesprochen. Manche spontan, manche geplant. Britta ist parlamentarische Geschäftsführerin und kommunalpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion. Die Leitfrage lautete daher: Wie können Steuergelder gezielter und besser dosiert als bisher zur Unterstützung erfreulicher Entwicklungen eingesetzt werden? Hier die Eindrücke:

Nach dem Start am idyllischen Eickeler Markt (von dem ich leider kein Foto habe) haben wir eine erste Station in der Reichstraße gemacht. Dort  bewundern wir die schöne Allee – die Bäume tragen zur hohen Lebens- und Luftqualität in dieser Straße bei. Leider hat die Stadt,die seit 1992 in der Haushaltssicherung ist, immer weniger Geld für eine vernünftige Baumpflege mit kurzen Intervallen. Und natürlich diskutieren wir auch über die Baumfällungen am Europaplatz in der Herner Stadtmitte. Aus Angst Fördermittel zu „verlieren“ hatte die SPD-/CDU-Ratsmehrheit vor einigen Tagen glatt 1.000 Unterschriften gegen die Fällungen ohne Aussprache ignoriert. Mehr dazu auf den Webseiten der Grünen in Herne.

Eis aus eigener Herstellung. Britta Haßelmann kennt als Bundestagsabgeordnete Eiskugelpreise von 1,40 Euro am Berliner Hauptbahnhof. Sie staunt auf unserer grünen Radtour nicht schlecht über Preis und Qualität dieser wunderbaren kleinen Eisdiele in der Dürerstraße. Die Inhaberin macht schon seit über 50 Jahren Eis! Mit ihrer Minidiele ist sie ein Segen für die Stimmung in der Dürerstraße. Denn hier treffen aufwändig sanierte Fassaden aus der Gründerzeit auf krasse Schrottimmobilien. Leider wurde die stadteigene Immobiliengesellschaft bei dem Versuch, einzelne Immobilien aufzukaufen und zu sanieren, von finanzkräftigeren Privatinivestoren ausgebootet. Wir drücken die Daumen, dass es trotz allem zügig voran geht auf der immerhin schon aktiven Baustelle nebenan, dass die Städte im Ruhrgebiet bald mehr finanzielle Handlungsmöglichkeiten bekommen, und natürlich, dass noch viel mehr Leute auf ’ne Kugel Eis vorbeikommen um den tapferen Familienbetrieb zu unterstützen.

  Britta auf der Hauptstraße in Wanne-Eickel, Teil III: Wir diskutieren über den Öffentlichen Personen-Nahverkehr. Schicker Busbahnhof und die Stories dahinter: Weil die Stadt Herne sparen will, soll die Linie 306 demnächst auf Herner Stadtgebiet nur im 15-Minuten-Takt fahren. Bochum will aber auf den 7,5 Minuten-Takt verdichten. Das ist Ruhrgebiets-Nahverkehrsplanungs-Unsinn in Reinkultur. Steigt man dann auf der Rückfahrt an der Stadtgrenze aus jeder zweiten Bahn aus und wartet auf die nächste? Leider haben wir noch viel mehr von solchen krassen Beispielen verfehlter Kirchturmspolitik verarmter Kommunen. Ich schlage Britta vor, dass die im grünen Programm beschlossenen Altschuldenhilfen für das Ruhrgebiet an eine Spezial-Bedingung geknüpft werden sollten: nämlich eine einheitliche Nahverkehrsplanung für alle Städte statt des Flickenteppichs… Fordern und fördern, an dieser Stelle wäre ein bisschen Druck von oben aber wirklich `mal hilfreich!

Wir diskutieren mit Jens Rohlfing, Einzelhändler in der City von Wanne-Eickel und Vorsitzender der Werbegemeinschaft. Immerhin sind hier über Jahre zweistellige Millionenbeträge in Stadtumbaumaßnahmen geflossen. Viele Gebäude haben – auch mit Eigenanteilen der Eigentümer – daher teilweise traumhaft sanierte Fassaden erhalten, mit denen man in Barcelona Touristen begeistern könnte. Leider sind die Ladenlokale aber trotz der neuen Pflasterung nicht barrierefrei erreichbar geworden und „eine der längsten Fußgängerzonen“ in NRW (oder war es Deutschland ?) könnte ein bisschen mehr Lauf- und auch Fahrradpublikum vertragen. Jens Rohlfing bedauert, dass man aufgrund der Förderbedingungen und der Finanzsituation der Städte derartige Fehler im Nachhinein anscheinend nicht einfach mal schnell und flexibel korrigieren kann. Für unseren Vorschlag, zukünftig mehr in Menschen statt in Steine zu investieren, hat er direkt eine gute Idee parat: „Um mit dem Onlinehandel mitzuhalten, sollte man die Händlern mit schnelleren Internetanschlüssen und Schulungen fit machen für den Onlinehandel.“ Das könne die verloren gegangene Kaufkraft zwar nicht völlig kompensieren, verschaffe aber, wie er aus eigener Erfahrung weiß, auch mal die eine oder andere Bestellung aus entfernten Gegenden. Sogar, wie wir feststellen, aus dem ländlichen Raum, wo – wie Britta zu berichten weiß – die digitale Infrastruktur manchmal noch viel, viel langsamer ist als bei uns im Ballungsraum. Alles ist relativ.
Im Brockenhaus II. GfS-Geschäftsführer Frank Köhler ist sich sicher, dass die Idee, alle Menschen könnten mit Maßnahmen fit gemacht werden für den ersten Arbeitsmarkt an der Realität vorbeigeht. Mit Britta Haßelmann sind wir uns einig, dass es auch neue Möglichkeiten geben muss, Menschen mit besonderen psychischen oder sozialen Schwierigkeiten in ein normales Arbeitsleben zu integrieren. Viele sind enttäuscht, wenn eine der befristeten Maßnahmen vorbei ist und sie wieder zu Hause bleiben müssen. „Viele fallen in ein tiefes Loch, weil Ihnen die Arbeit, die einem Tag Struktur gibt und die Kolleginnen und Kollegen fehlen“, ist Frank Köhler überzeugt. Leider hatten wir zu wenig Zeit, um die Diskussion, ob nicht auch ganz normale Firmen bei entsprechenden Zuschüssen als Arbeitgeber dafür infrage kämen, nicht mehr führen. Ich bin mir sicher, die Fortsetzung dieser Diskussion folgt. Hoffentlich mit grüner Beteiligung an der Bundesregierung…
So, geschafft, den historische Pfad des Bierfasses von der Hülsmannbrauerei in Eickel bis zum Cranger Tor haben wir abgerollt. Zwei Stunden waren wir unterwegs. Britta nimmt „viele Eindrücke und Anregungen“ mit nach Berlin und die Erkenntnis, dass auf der kurzen Strecke viele sehr, sehr unterschiedliche Situationen nah beieinander liegen. Chancen und Risiken halt: Was soll ich sagen: Sie, liebe Leserin, lieber Leser, Sie haben die Wahl am 24. September 2017.

 

 

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